Stellungnahme gegen die Initiative “Ehrlos statt wehrlos”

Rechtspopulismus im queeren Gewand

Auf Facebook meldet sich ein neues Bündnis mit dem Namen „Ehrlos statt wehrlos – Bündnis gegen Neuköllner Unzumutbarkeiten“ zu Wort und behauptet, Straßengewalt in Berlin-Neukölln bekämpfen zu wollen. Seine Gründungserklärung zeigt jedoch, dass es ihm vor allem um eines geht: Gewalt soll als Problem auf bestimmte Gruppen ausgelagert werden, rechtspopulistische Sicherheitsdiskurse sollen in queeren Kreisen etabliert werden. Wir sagen: Nicht mit uns! Nur eine solidarische Stadt ist eine sichere Stadt!

Nachdem unterschiedliche rechtsextreme Initiativen wie „120 Dezibel“ der sogenannten Identitären Bewegung oder der „Frauen-Marsch“ der AfD im letzten Jahr medienwirksam feministische Themen für rassistischen Zwecken instrumentalisiert haben, organisiert sich zurzeit auch in Neukölln eine Initiative, die die Themen Gewalt und Sicherheit im öffentlichen Raum für die Stigmatisierung von muslimischen, insbesondere arabischen Männern verwenden möchte. Basierend auf den breiten Mobilisierungen gegen homo- und trans*feindliche Angriffe im Kiez, missbraucht ein neues Bündnis aus dem Umkreis der queeren Gaststätte „Ludwig“ sowie der Polittunte Patsy L‘Amour LaLove die klare Positionierung gegen jede Form von Diskriminierung, indem sie Ressentiments gegen tatsächliche oder vermeintliche Muslim*innen schürt und orientalistische Stereotype verbreitet.

Die rechte Sprache der queeren Kids

Um ihre Kampagne zu lancieren, folgt die Initiative in ihrem auf Facebook veröffentlichten Manifest mehreren populistischen Argumentationsmustern. Zunächst zeichnet sie eine Bedrohungslage, die jeglicher ernstzunehmender Belege entbehrt, um sie als Basis für eine gebotene Diskussion vorzuschieben. Diese Panikmache steht in krassem Widerspruch zur Lebensrealität im Kiez. Obwohl immer mehr queere Orte in Neukölln eröffnen, wird von einer massiven Zunahme von Einschüchterungskampagnen gegen solche Institutionen gefaselt. Obwohl sich immer mehr Israelis im Bezirk niederlassen, wird behauptet, dass Neukölln immer unsicherer für Jüd*innen werde. Angriffe gegen Obdachlose oder Rom*nja und Sint*ezza, die regelmäßig in der ganzen Stadt zu beobachten sind, werden – ohne Erklärung –besonders auf Nord-Neukölln projiziert. Überraschenderweise werden rassistische und neonazistische Angriffe, die im Bezirk seit vielen Jahren gehäuft registriert werden, gar nicht erwähnt. Allein ReachOut, die Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, verzeichnet für den Zeitraum 2007–2017 164 Angriffe im Bezirk, darunter auch zwei Fälle von Mord.

Die Verantwortlichen für die äußert selektiv empfundenen „Unzumutbarkeiten“ in der Nachbarschaft werden im Folgenden klar identifiziert – es seien keine „italienischen, vietnamesischen, selbst deutschen“ Männer, sondern Araber und sonstige Muslime, die Gewalt im Namen der Ehre verüben. Auch die bösen Kompliz*innen werden benannt – die linksliberalen Medien, die angeblich zur Gewalt auf den Straßen in Neukölln schweigen, bzw. eine „politische Öffentlichkeit“, die Gewalt von Migrant*innen toleriere und damit legitimiere. Die Autor*innen des Textes inszenieren sich selbst als mutige Ausnahme-Gestalten, die der linken Zensur trotzen und es wagen, noch zu sagen, was Sache ist. Wer sie wegen dieser Inhaftnahme des männlichen Teils einer ganzen Religionsgemeinschaft für Rassisten hält, sei für sie selbst einer. Lediglich seien die wehrhaften Autor*innen weltoffen, da sie Menschen aus den islamischen Milieus akzeptieren, und zwar in dem Fall, dass diese „der ihnen auferlegten Kultur entkommen“ wollen.  Mehrere Posts der Gruppe über „Ex-Muslime“ (maskulin im Original) verdeutlichen welche Vorraussetzungen jener Akzeptanz vorliegen– Muslim*innen sind nur dann willkommen, wenn sie aufhören muslimisch zu sein.

Orientalistische Völkerkunde

Für das neue Bündnis, das offenbar aus deutschen Neuzugezogenen entstanden ist, ohne jegliche Beteiligung von Rom*nja oder Sinti*ezza, Obdachlosen oder Jüd*innen, steht fest, welchen Hintergrund gewalttätige Vorfälle haben, wenn sie von Jugendlichen ausgehen, die von ihnen als muslimisch wahrgenommen werden – die Ehrkultur des Nahen Ostens, sei sie nun religiös oder kulturell motiviert. Eine falsche und rassistische Vorstellung zugleich. Diese Behauptung phantasiert ein grundlegend anderes Verständnis von Ehre, das vor allem in gewalttätiger Form anzutreffen sei – und das nur erklärbar ist, wenn alle anderen Formen der Gewalt und Mackertum unter nicht-muslimischen Männern ausgeblendet werden. Tatsächlich vorhandene Norm- und Ehrvorstellungen in der muslimischen Welt, auch in Neukölln, die Alkohol- und Drogenkonsum wie auch tätliche Angriffe gegen Schwächere tabuisieren, laufen den bekanntgewordenen Gewaltvorfällen häufig zuwider. Unterstützung für Täter gab es weder unter linken Aktivist*innen noch in migrantischen Communities. Trotzdem wird propagiert, dass migrantische Strukturen im Kiez eine Mitverantwortung an einzelnen Vorfällen trügen.

Eine tückische Statistik

Dass junge Migranten an Gewaltdelikten überproportional beteiligt seien, ist ein Gerücht, das sich zwar seit Jahrzehnten hält, dem jedoch sämtliche kriminologischen Befunde widersprechen. In Berlin hat beinahe jeder Zweite unter 30 Jahren einen sogenannten Migrationshintergrund. In den Innenstadtkiezen wie Schöneberg, Nord-Neukölln und Kreuzberg, in denen auch große Teile der queeren Szenen zu Hause sind, ist dieser Anteil wesentlich höher. Gewalt auf der Straße findet dort statt, wo sowohl Opfer als auch Täter sich begegnen. Obwohl die Täter von Delikten zumindest körperlicher Gewalt häufiger aus sozial schwachen Familien stammen, sind Jugendliche aus migrantischen Familien nicht häufiger an solchen Tatformen beteiligt als es ihrem generellen Anteil an der städtischen Bevölkerung entspricht. Ist das ein Grund zur Freude? Nein. Ist es ein Grund für Panikmache? Nein.

Die vergessene Mehrheitsgesellschaft

Die Nicht-Benennung der Homo- und Trans-Feindlichkeit und der Roma-Feindlichkeit der Mehrheitsgesellschaft in einer Zeit, in der 40% der Bevölkerung es „ekelhaft“ finden, wenn zwei Männern sich küssen bzw. 50% die Verbannung von Rom*nja und Sint*ezza aus den Innenstädten fordert (Mitte-Studie 2016, Leipzig), ist an sich schon widerlich genug. Es ist nämlich nicht ersichtlich, warum diese Zahlen für Neukölln nicht gelten sollen. Schlimmer ist jedoch, dass die Initiative sich dieser zunehmend populistisch gestimmten Mehrheit anzubiedern versucht, indem sie sich als Opfer „der Muslime“ bzw. „der Migranten“ darstellt. So verzichtet sie darauf, den neurechten Angriffen eine Politik der Solidarität entgegenzustellen: Sie bevorzugt es, selbst an der Spaltung von strukturell benachteiligten Gruppen mitzuwirken.

Die durch das Bündnis beklagten und auf Nord-Neukölln beschränkten Unzumutbarkeiten sind in Wahrheit ein Zeichnen unverhohlener Ignoranz gegenüber der Lebenserfahrung der großen Mehrheit in der Nachbarschaft. Gewalt in Form von ökonomischer Verdrängung von Wenig-Verdienenden, institutioneller Rassismus gegen praktizierende Muslim*innen, People of Color, Schwarze Menschen und Geflüchtete sowie die neonazistischen Angriffe gegen linke Strukturen stellen für sie offenbar nichts Unzumutbares dar. Besonders die vielen Arten,  durch  die migrantische Jugendliche in Schule und Arbeitswelt diskriminiert, von der Polizei schikaniert, von Behörden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und von Neonazis ermordet werden, sollten völlig hinter der eigenen ach so vordringlichen Diskriminierung verschwinden. Wer in diesem gesellschaftlichen Zusammenhang eigentlich „wehrlos“ ist und wer nicht, können alle für sich beantworten.

Unsere Antwort – Solidarität

Der Wunsch, antisemitische, roma-, homo- und trans*feindliche Gewalt auch in Neukölln zu bekämpfen, ist zu begrüßen. Wir nehmen selbst an Demonstrationen und Aktionen dagegen teil und freuen uns auf noch mehr Gruppen, die sich dem Kampf für eine solidarische und egalitäre Gesellschaft anschließen. Den sich bildenden Kreis um die Initiative „Ehrlos statt wehrlos“ stufen wir jedoch als gefährliches Manöver von selbstinszenierendem Tabubruch ein, dem es eher darum geht, Ressentiments gegen Muslim_innen zu schüren und rassismuskritische Mobilisierungen zu diffamieren.

Unsere Antwort auf Gewalt sieht anders aus! Wir vernetzen uns, kämpfen zusammen gegen verschiedene Formen von Unterdrückung und Diskriminierung, organisieren unsere Nachbarschaften gegen Rassismus, Homo- und Trans*feindlichkeit und Verdrängung, entwickeln gemeinsame Strategien gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus und kämpfen für die Rechte aller Menschen zu lieben, wen sie möchten und wie sie es möchten – unabhängig von Aufenthaltstitel oder Geschlecht. Nur ein solches Zusammenkommen macht uns wirklich sicher.


Unterzeichnende Gruppen und Organisationen:

Berlin Muslim Feminist

GLADT e.V

Inssan e.V

Nicht ohne meinen Glauben – Queere Muslime

RomaniPhen – das feministische rromani Archiv

Salam Schalom Initiative

xart splitta e.V

 

Intersektionale Transformative Gerechtigkeit

“Was macht uns wirklich sicher?” Ein Toolkit zu intersektionaler transformativer Gerechtigkeit jenseits von Gefängnis und Polizei : Lesung & Diskussion

Donnerstag, 6. September, 19h

Melanie Brazzell & Nadija Samour (Herausgeberin und Co-Autorin) feiern die Veröffentlichung des “Was macht uns wirklich sicher?” Toolkits. Das Toolkit stellt das Sicherheitsversprechen des Staates im Falle von sexualisierter- und Partner*innengewalt in Frage, und untersucht, wie Institutionen und Techniken wie Polizei, Gefängnis und nationalstaatliche Grenzen Gewalt (re)produzieren anstatt sie zu beenden.

Melanie Brazzell & Nadija Samour werden das Toolkit und die verschiedenen Beiträge von unterschiedlichen Berliner Organisationen und Aktivist*innen vorstellen (u.a. LesMigraS, Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt – KOP, Hydra e.V.). Dabei werden sie der Frage nachgehen, wie vermeintlich gut gemeinte Ansätze zur Bekämpfung von sexualisierter Gewalt schief laufen und für Rassismus instrumentalisiert werden können. Das Toolkit stellt heraus, dass wir zwischenmenschliche Gewalt in Verquickung mit staatlicher Gewalt verstehen müssen, um sie angemessen aufzuarbeiten und zu bekämpfen. Um dies zu erreichen, schlägt das Toolkit einen Ansatz intersektionaler, transformativer Gerechtigkeit vor: Es besteht aus verschiedenen Experimenten von Community-basiertem Umgang mit zwischenmenschlicher Gewalt – vor allem sexualisierter und Partner*innen-Gewalt –  jenseits vom Staat und dessen Straflogik.

Zu der Veranstaltung sind alle eingeladen, ihre kreativen, sci-fi Visionen von echter Sicherheit zu teilen, um eine Zukunft ohne Gewalt und Bestrafung zu entwerfen. Vor und während der Lesung wird es eine kleine Kunstaktion geben.

Teilt eure Ideen mit uns, was uns #WirklichSicher #ReallySafe macht!

www.whatreallymakesussafe.com


Melanie Brazzell initiierte und entwickelte das Multimediaprojekt “Was macht uns wirklich sicher?”. Das Projekt beinhaltet Interviews mit Aktivist*innen und eine begleitende Internetseite, sowie Workshops, Universitätsseminare, öffentliche Veranstaltungen, eine Ausstellung, und das Toolkit. Inspiriert vom visionären Aktivismus der Community Accountability (kollektive Verantwortungsübernahme) & Transformative Justice (transformative Gerechtigkeit) Bewegung aus den U.S., machte Melanie über fünfzehn Jahre lang Community-basierte Anti-Gewalt Organizing und hat das Transformative Justice Kollektiv Berlin mitbegründet. Derzeit erkundet sie partizipatorische Forschung als Werkzeug für soziale Bewegungen im Rahmen eines PhDs an der University of California Santa Barbara.

Nadija Samour schmiedet Pläne gegen Gefängnisse. Sie überlegt manchmal alleine am Schreibtisch für ihre Dissertation zum Thema “Incarceration in settler-colonialist contexts”, manchmal als Strafverteidigerin für Gefangene, oder manchmal zusammen mit anderen sie Genoss*innen, um eine Welt zu erschaffen, die keine Kerkersysteme mehr braucht. Auf dem Weg dahin lässt sie sich von antikapitalistischen und antikolonialistischen Kämpfen inspirieren. Sie ist überzeugt davon: niemand ist frei, wenn nicht alle frei sind.

Care / Accountability / Conflict / Awareness (CACA) formte sich him Nachgang des CutieBPoC Fests 2017. Wir wollten erstens die unterdrückenden strukturellen Dynamiken thematisieren und etwas gegen sie unternehmen, die wir in diesem radikalen, exklusiven Raum reproduziert haben und zweitens, mehr Menschen mit den Werkzeugen ausstatten, die es für Konfliktlösung, Deeskalation und Fürsorge braucht, da 10 Menschen, die spontan ohne vorheriges Training zusammenkommen, keinen Safer Space für 200 Leute für mehrere Tage schaffen können und drittens, um eine bessere Wahrnehmnung für Verantwortung und Bewusstsein für einander innerhalb einer größeren Community möglich zu machen. Wir werden unsere erste Konferenz im April 2018 veranstalten und hoffen, dass wir fortan mit anderen Menschen, die auch an zugänglichen Graswurzel Räumen für marginalisierte Communities interessiert sind, lernen können.

 

 

DGS Kurs mit Diana Spieß – 15.09.-17.11. 2018

Wir freuen uns in diesem Jahr einen neuen DGS I Kurs mit Diana Spieß anbieten zu können. Der Kurs umfasst 10 Termine vom 15. September bis 17. November 2018 und findet jede Woche samstags von 13-14:30 Uhr in den Räumen von xart splitta statt. In dieser ersten Kursstufe lernen die Teilnehmenden grundlegende Kenntnisse zur Deutschen Gebärdensprache wie das Fingeralphabet, Vokabeln, Fragewörter, Zahlen und einfache Sätze. Außerdem werden die Teilnehmenden in drei wichtigen Grundtechniken der Deutschen Gebärdensprache eingeführt: die visuelle Wahrnehmung, die Mimik und die nonverbale sowie gestische Kommunikation.

 

Zu Diana Spieß:

Bist DU taub? ICH bin es! „GEBÄRDENSPRACHE IST SPANNEND, VIELFÄLTIG UND WOW!“

Diana Spieß wuchs in einer tauben und gebärdensprachnutzenden Familie als taub Geborene auf. Sie ist auf dem Gebiet der Gebärdensprache Muttersprachlerin. Von frühster Kindheit an bestand ihr Interesse an einem Austausch mit der hörenden Welt. Nach einer Ausbildung und der beruflichen Tätigkeit als Sozialpädagogische Assistentin, qualifizierte sie sich erfolgreich zur Gebärdensprachdozentin. Seit dem ist sie neben vielen anderen Sozialen- und Schulprojekten im Bereich der Gebärdensprachvermittlung sehr aktiv.

Homepage: www.lebendige-gebaerden.de

 

Der Kurs ist nun ausgebucht. Wir hoffen ihn nächstes Jahr wieder anbieten zu können.