Symposium “Queer of Color Critique”

Freitag, 24. Mai 2024, ab 12:00 Uhr

Kreuzberger Kinderstiftung, Ratiborstr. 14a, 10999 Berlin

Diese Veranstaltung wird in deutscher und englischer Lautsprache sowie Deutsche Gebärdensprache stattfinden.

Selbstverständlich ist Queer of Color-Kritik nicht homogen und es gibt nicht nur eine Linie. Die Linien erscheinen jedoch oft nur flüchtig, sind mal deutlicher, mal ephemer, mal fehlen Punkte auf der Linie oder Stationen auf dem Weg, die es einmal gab, die jedoch verschwunden sind durch Auslöschung, Vergessen, Repression, Gewalt oder Pandemien.

 – Dr. Rena Onat
Ankündigung in DGS

Queer of Color Critique bedeutet zunächst eine kritische Sicht von queeren und BIPoC positionierten Personen. Obwohl es keine einheitliche Gruppe von Queers of Color gibt, wird dieser Begriff derzeit eher von QTIBIPoCs (QueerTransInter* UND Black Indigenous People of Color) verwendet. Es besteht die Gemeinsamkeit, sowohl von Rassismus als auch von Homo- und/oder Transfeindlichkeit betroffen zu sein. Das bedeutet auch, dass es geteilte Erfahrungen sowie gemeinsame Widerstands-, Überlebens- und Empowermentstrategien gibt.

Queer of Color Critique war immer wieder Thema in den Räumen von xart splitta, zum Beispiel in dem gleichnamigen Lesekreis oder bei der Veröffentlichung von Rena Onats Dissertation „Queere Künstler*innen of Color“. Im Zentrum unserer Auseinandersetzung stehen hier, neben den Kritiken selbst, auch die Menschen, die diese Kritiken formulieren. Auch aus diesem Grund ziehen wir hier eine direkte Linie vom (akademischen) Diskursspektrum der Queer of Color Critique zur (aktivistischen) Identität(-sbildung).

Mit verschiedensten Formaten wie Input, Panel und Workshops erhoffen wir, auf dem Symposium Fragen des Wissentransfers innerhalb der intersektionalen Communities und Wissenschaften zu schaffen und einer erneuten Kontextualisierung und Herausforderung im deutschen Kontext nachgehen zu können.

Die Prozesse um Wissen über intersektionale Diskriminierung bzw. Lebensrealitäten, das Erinnern aktivistischer Kämpfe, Personen oder Orte, die von struktureller Auslöschung betroffen sind/waren, werden hier grundlegend für ein gemeinsames Erinnern und Austauschen sein.

Programm:

12:00 – 12:45 Uhr Ankommen & Begrüßung
12:45 – 13:15 Uhr Begrüßung & Vorwort von Dr. Rena Onat
13:15  – 13:45 Uhr Input von Jin Haritaworn
13:45 – 14:30 Uhr Pause
14:30 –  15:30 Uhr Workshops
15:30 – 16:00 Uhr Pause
16:00 – 16:30 Uhr Dokumentation der Queer of Color Critique Inputs Dr. Chandra Frank & Gayatri Gopinath, 2021
16:30  – 18:00 Uhr Panel

Informationen zu Programm & Workshops in DGS

Die Workshops

Workshop #1 mit Sailesh Naidu: Poetic Collage
Der Workshop wird in Englischer Lautsprache stattfinden, Übersetzungen in Deutsche Gebärdensprache oder Deutsche Lautsprache sind möglich.


Die Teilnehmer*innen werden visuelle Poesie zu den Themen Identität, Widerstand und Wandel erstellen. 

Workshop #2 mit Okan Kubus: Labels und mehrdimensionale Identitäten: Perspektiven von Queer of Color und Gebärdensprachler*innen
Der Workshop ist offen für Menschen mit zumindest grundlegenden Gebärdensprachkenntnissen, die z.B. mindestens 120 Stunden DGS-Kurs absolviert haben. Der Workshop findet in Deutscher Gebärdensprache statt und wird durch Verdolmetschung unterstützt.

Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass die Konsequenz aus den durch meine Sozialisation entstandenen mehrdimensionalen Identitäten für mich darin besteht, letztlich keine meiner Identitäten konsistent leben zu können. Vielmehr fühle ich mich gezwungen, mich je nach Umfeld und Kontext für bestimmte Teile meiner Identitäten zu entscheiden.
Damit werde ich bereits auf sprachlicher Ebene konfrontiert: Nehmen wir an, ich finde eine Community, der ich mich zugehörig fühle oder zumindest fühlen sollte und trete in Kontakt mit dieser. Zuerst besteht keine sprachliche Barriere, ich kann mich mit den Mitgliedern der Community in einer Sprache, die beiden Seiten zur Verfügung steht, austauschen. Dann merke ich jedoch schnell, dass andere meiner Identitäten in dieser Community nicht präsent sind, nicht gelebt und/oder nicht akzeptiert werden. Auf sprachlicher Ebene hat dies zur Folge, dass es schlichtweg keine geteilten Gebärden gibt, mit denen ich meine Identitäten beschreiben kann. Ich kann mir dort gebärdensprachlich also nicht selbst ein Label geben oder mich einem zuordnen, weil ich bestimmte Dimensionen meiner Identitäten in dieser Community gebärdensprachlich überhaupt gar nicht erst ausdrücken kann. In solchen Situationen bin ich also gezwungen, auf die sprachlichen Mittel/Ressourcen zurückzugreifen, die wir teilen. Das bedeutet für mich, dass ich mich manchmal als etwas labeln und präsentieren muss, was ich nicht unbedingt ausschließlich bin. Damit kann ich mich sprachlich nicht als Okan mit all meinen mehrdimensionalen Identitäten zeigen, präsentieren, ausdrücken und dementsprechend wahrgenommen werden. 
Auf diese unvollständige Wahrnehmung meiner mehrdimensionalen Identitäten und der begrenzten sprachlich geteilten Ressourcen folgen für mich Diskriminierungserfahrungen. Ich werde durch die Bildhaftigkeit von Gebärdensprachen, die wesentlicher Teil der Sprachen ist, aber teilweise auch Stereotype bedienen kann, als etwas gelabelt, mit dem ich mich nicht identifiziere. 
Im Rahmen dieses Workshops möchte ich gemeinsam mit den Teilnehmenden in den Austausch treten und zusammen nach Strategien bzgl. gebärdensprachlichen Ausdrücken suchen. Einerseits hinsichtlich dessen, wie wir mit der Präsenz unserer vielfältigen Identitäten in bestimmten Räumen und Communities und mit Labels, die wir von anderen Personen zugeschrieben bekommen, umgehen und diese in einem weiteren Schritt sogar durch alternative und passende gebärdensprachliche Ausdrücke von uns abwenden können.

Workshop #3 mit Layla Zami: Crea(c)tive Empowerment
Der Workshop wird in Deutscher Lautsprache stattfinden. Außerdem wird Musik und Klang hier eine zentrale Rolle spielen. Wir können Übersetzungen in Englische Lautsprache anbieten.

Welche Rollenbilder gibt es für Queer of Colors im Bereich Musik? Und wie können wir selbst kreativ werden, um einen Queer of Color (T)Raum selbst zu gestalten und zu aktivieren? In diesem Workshop werden wir krea(k)tiv schreiben, uns zu Musikgeschichte austauschen und uns auch etwas bewegen. Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich und alle Körper sind willkommen. In diesem Workshop gilt als Motto „no judgment of self or others“. 

Workshop #4 mit Sunanda Mesquita: Dreaming Communities Vernetzungstreffen für Community Organisator*innen
Der Workshop wird in Englischer Lautsprache stattfinden, Übersetzungen in Deutsche Gebärdensprache oder Deutsche Lautsprache sind möglich.

In dieser Session wird Sunanda Mesquita einen Raum für den Austausch und die Verbindung zwischen Community-Organisator*innen schaffen und dabei die individuellen und kollektiven Ressourcen und die unterstützenden communities, denen wir angehören, in den Mittelpunkt stellen. Dreaming Communities ist ein Raum, um aufzutanken, sich inspirieren zu lassen und sich gerade in diesen herausfordernden Zeiten an die Fülle der Unterstützung zu erinnern, die uns jederzeit zur Verfügung steht. Du bist herzlich eingeladen, deine Lieblingszitate, Bücher oder Inspiration mitzubringen, die dich bei deiner Community Arbeit unterstützen und die für dich Klarheit, Offenheit, Liebe und Mitgefühl fördern. Während der Session wird es Gelegenheit zum Ausruhen und zur stillen Kontemplation geben sowie die Einladung, sich in kleineren Gruppen miteinander auszutauschen.


Informationen zur Anmeldung

Meldet euch unter contact@xartsplitta.net an bis zum 16. Mai 2024 an. Anmeldungen sind  per Schrift, Video und Audio möglich.

Diese Veranstaltung ist ein Safer Space und richtet sich explizit an Menschen, die sich als Queer/Trans/Inter* und als BIPOC positionieren.

Es wäre toll, wenn ihr bei eurer Anmeldung zu folgenden Punkten etwas schreiben würdet:

  • An welchem Workshop möchtest du teilnehmen?
  • Warum hast du dich für die Teilnahme an dem Workshop entschieden?
  • Auf welche Weise hast du dich bisher mit dem Thema beschäftigt?
  • Hast du Bedürfnisse oder brauchst du zur Teilnahme Unterstützung (z.B. Sprachassistenz, Übersetzungen, Child care etc)?

Bitte kommt getestet zur Veranstaltung und bleibt zu Hause, wenn ihr Symptome zeigt.


Die Referent*innen

Rena Onat ist Kunst- und Medienwissenschaftlerin und interessiert sich für Queer of Color Kritik in der visuellen Kultur. Sie positioniert sich als deutschtürkische Femme, hat kürzlich ihre Doktorarbeit zum Thema „Queere Künstler_innen of Color. Verhandlungen von Disidentifikation, Überleben und Un-Archiving im deutschen Kontext“ abgeschlossen. Sie hat am Institut für Medienwissenschaft der HBK Braunschweig und im Helene-Lange-Kolleg Queer Studies und Intermedialität: Kunst – Musik – Medienkultur an der Uni Oldenburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet. Seit 2023 ist sie die Hauptamtliche Frauenbeauftragte an der weißensee kunsthochschule berlin. Außerdem macht sie Lehraufträge, Vorträge und Workshops zu Kunst, Empowerment und Antidiskriminierung und mag Pferde.

Okan Kubus (keins/keins), selbst taub, queer, nonbinär und mit türkischem Hintergrund hat seit 2019 die Professur für Gebärdensprachdolmetschen an der Hochschule Magdeburg-Stendal inne und ist sowohl multilingual also auch mit unterschiedlichen Kulturen sozialisiert. 

Sailesh Naidu (they/them) ist Schriftsteller*in, Filmemacher*in und Researcher*in, mit einem Fokus auf das Erforschen der Beziehung zwischen dem zutiefst Persönlichen und dem zutiefst Verbundenen. In den letzten zehn Jahren hat Sailesh im Bereich Bildung und erzwungene Migration mit dem Schwerpunkt auf Geschlecht und Sexualität gearbeitet. Im Jahr 2016 wurde Sailesh mit dem renommierten Bundeskanzler-Stipendium ausgezeichnet und stand unter der Mentorenschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im Jahr 2021 wurde der erste Kurzfilm „DogFriend“, welcher eigenständig kreiert und produziert wurde, vom Bundesministerium für Kunst und Kultur gefördert. „DogFriend“ hatte seine Weltpremiere im British Film Institute, wurde auf dem Tribeca Film Festival gezeigt und war für die deutsche LOLA 2022 nominiert. Saileshs gesammelte Arbeiten und Texte wurden unter anderem in der NYTimes, Die Zeit, dem Schwulen Museum, dem Gropius Bau, der Urania Berlin, dem LiteraturHaus Berlin, dem DADDY Magazine, GALDEM und der Volksbühne Berlin veröffentlicht.

Dr. Layla Zami (Paris, 1985) ist eine innovative Akademiker*in und interdisziplinäre Künstler*in. Sie ist Postdoktorand*in in Performance Studies der Freien Universität Berlin (CRC Intervening Arts) und war Gastprofessor*in der Humanities and Media Studies am Pratt Institute, wo sie auch Mitvorsitzende von Black Lives Matter Pratt war. Zami ist Autor*in von Contemporary PerforMemory (2020) und ihre Arbeit kreist um den Nexus von kulturellem Gedächtnis, Körperlichkeit, Performance, Diaspora, Sprache und Raumzeit. Layla Zami war Keynote-Sprecher*in/Performer*in bei HKW (Sonic Vernacular 2023), SOCARE (2022) und BGHRA (2018). Als interdisziplinäre Künstler*in in der Gruppe ihrer Frau Oxana Chi Dance & Art kreiert und performt Layla Zami Musik, Klänge, gesprochene Worte und physisches Theater. Dankbar und anmutig präsentierte bzw. trat das Duo international auf.

Sunanda Mesquita, geboren 1985, ist eine*in Wien lebende transdisziplinäre visuelle Künstler*in, Kurator*in und Ayurveda-Wellness-Praktiker*in. Mesquita studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und war Co-Kurator*in von Anti-Colonial Fantasies und Mitbegründer*in von WE DEY x SPACE, einem QTIBIPOC-zentrierten Kunstraum in Wien. (decolonialkilljoy.com)
Die künstlerische Praxis konzentriert sich auf die Möglichkeiten einer radikalen, utopischen, queer feministischen Kollektivität von BIPoCs und Themen der Community, Solidarität und Zugehörigkeit. Sunanda unterstützt individuelle und kollektive journeys zum Wohlbefinden durch Āyurvedische Körperarbeit und ganzheitliches Wissen, welches dekoloniale Freude in der Diaspora in den Mittelpunkt stellt. (@decolonial_joy).

Koray Yılmaz-Günay ist Co-Geschäftsführer des Migrationsrats Berlin, einer Dachorganisation von über 80 Migrant*innen-Organisationen sowie Organisationen von Schwarzen und Menschen of Color. Zudem arbeitet er in der außerschulischen politischen Bildung, v.a. in der rassismuskritischen Bildung. Yılmaz-Günay ist seit den frühen 1990er-Jahren gesellschaftlich und politisch aktiv, v.a. in kapitalismus- und rassismuskritischen sowie queeren Bewegungen, lange Zeit bei GLADT e.V., einem Verein queerer Menschen of Color. Seit Mitte der 1990er-Jahre arbeitet er in der politischen Bildung, 2011–2016 war er Referent für Migration in der Akademie für Politische Bildung bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sein aktivistisches/publizistisches Engagement führten 2015 zur Gründung des Verlags Yılmaz-Günay.

Unsere Referent*innen in DGS

Digital mit dabei sein, wird…

Jin Haritaworn ist an Queer of Color Küchentischen in London und Berlin groß geworden. Momentan lebt Jin zwischen Berlin und Toronto/Tkaronto/Three Fires Territory, wo Jin als Associate Professor an der York University tätig ist. Jin hat zwei Bücher geschrieben, darunter „Queer Lovers and Hateful Others: Regenerating Violent Times and Places“, über Rassismus und Gentrifizierung in queeren Communities im Berlin der 2000er und 2010er. Daneben hat Jin etliche Sammelbände mit herausgegeben, u.a. „Queer Necropolitics“. Die letzten drei Sammlungen und der gemeinsam mit dem Marvellous Grounds-Kollektiv herausgegebene Blog MarvellousGrounds.com – sind mit Community Members in Tkaronto zusammen verfasst und zielten darauf ab, die Beiträge von QTBIPOC zu dortigen sozialen Bewegungen zu archivieren. Jin hat wegweisende Beiträge zu deutsch- und englischsprachigen Debatten über subalterne Räume, Homonationalismus, Intersektionalität, neoliberale Städte, Polizeigewalt/Abschaffung und Trans/Queer of Color Theorien geleistet.

Im Rahmen der Vorführung der Dokumentation des Lesekreises Queer of Color Critique 2021 begrüßen wir wieder im Raum:

Dr. Chandra Frank ist eine feministische Wissenschaftler*in, die sich mit den Überschneidungen von Archiven, Wasserwegen, Geschlecht, Sexualität und Race beschäftigt. Ihre kuratorische Praxis erforscht die Politik der Fürsorge, experimentelle Formen der Erzählung sowie die in Präsentations- und Ausstellungsarrangements verankerte koloniale Grammatik. Sie hat in von Expert*innen begutachteten Zeitschriften, Ausstellungskatalogen und Kunstpublikationen veröffentlicht, darunter Feminist Review, der Small Axe VLOSA-Katalog, The Place is Here, Tongues, Foam Magazine und Stedelijk Studies. Chandra war Mitherausgeber*in einer Sonderausgabe von Feminist Review zum Thema Archive. Zur Zeit ihres Inputs bei xart splitta arbeitete sie an ihrer Monografie Glimmers of Place: Queer Feminist Archives, Diaspora and Tidal Politics (Arbeitstitel), und war derzeit Post-Doctoral Fellow am Charles Phelps Taft Research Centre der Universität von Cincinnati.

Gayatri Gopinath ist Professor*in in der Abteilung für Sozial- und Kulturanalyse und Direktor*in des Zentrums für das Studium von Geschlecht und Sexualität an der New York University. Sie arbeitet an der Schnittstelle von transnationalen feministischen und queeren Studien, postkolonialen Studien und Diasporastudien und ist Autor*in von zwei Monografien: Impossible Desires: Queer Diasporas and South Asian Public Cultures (Duke University Press, 2005) und Unruly Visions: The Aesthetic Practices of Queer Diaspora (Duke University Press, 2018). Sie hat zahlreiche Aufsätze über Gender, Sexualität und queere visuelle Kunst und Kultur der Diaspora in Anthologien und Zeitschriften wie Journal of Middle East Women’s Studies, GLQ und Social Text sowie in Kunstpublikationen wie PIX: A Journal of Contemporary Indian Photography, Tribe: Photography and New Media from the Arab World und ArtReview Asia, veröffentlicht.


Diese Veranstaltung findet im Rahmen des Projektes #CommunitiesSolidarischDenken statt.