Online Lese- und Gesprächskreis: Queer of Colour Critique

Mit Rena Onat und Saida-Mahalia Saad

31. Mai – 25. Oktober 2021

Buntes Foto von Büchern, die im Lesekreis besprochen werden, von Stiften, Bilder und anderen Materialen
© Rena Onat und Saida-Mahalia Saad

An fünf aufeinanderfolgenden Terminen möchten wir uns mit verschiedenen theoretischen Ansätzen der Queer of Colour Critique auseinandersetzen.

Queer of Colour Critique bedeutet erstmal recht allgemein eine kritische Perspektive von als ‚queer‘ und ‚of Colour‘ positionierten Personen. Zwar gibt es keine einheitliche Gruppe von ‚Queers of Colour‘ – der Begriff bezeichnet eine Vielzahl von unterschiedlichen Identitäten und Erfahrungen und aktuell wird deswegen auch eher von QTIBIPoCs (QueerTransInter*Black and Indigenous People of Colour) geschrieben. Es gibt aber die Gemeinsamkeit, sowohl von Rassismus als auch von Homo- und/oder Transfeindlichkeit betroffen zu sein, also Mehrfachdiskriminierung zu erleben. Das bedeutet auch, dass es geteilte Erfahrungen und geteilte Widerstands-, Überlebens- und Empowermentstrategien gibt. Queer of Colour Critique richtet sich beispielsweise gegen Rassismus und Weißsein als Status Quo auch innerhalb politischer Bewegungen, wie der Frauenbewegung, der Homosexuellen-/Queeren-Bewegungen, Subkulturen und Szenen. Sie ermöglicht außerdem ein Sprechen über die eigenen Erfahrungen mit Homo- und Transfeindlichkeit in der Gesellschaft und teilweise auch in den eigenen Communities. Gerade das ist schwer, auf Grund der vielen rassistischen Stereotype, die wir nicht bedienen wollen.

Wir meinen mit Queer of Colour Critique aktivistische, theoretische und künstlerische Positionen. Einige der Theorien, die von QTIBIPoCs veröffentlicht wurden, wollen wir euch im Lesekreis vorstellen und mit euch diskutieren, weil wir denken, dass sie uns Worte geben für das, was wir selbst erleben und uns inspirieren und stärken können. Die Texte, die wir lesen wollen, sind von José Esteban Muñoz, Sara Ahmed, Gloria Anzaldúa, Riley Snorton und Jin Haritaworn. Zu unserer Session zu Gloria Anzaldúa haben wir Maque Pereyra als weiteren Gast eingeladen, da sie in ihrer künstlerischen Arbeit viele Bezüge zu Gloria Anzaldúa macht und wir gerne mehr darüber hören wollen. Für den Abschlusstermin im Herbst haben wir Chandra Frank und Gayatri Gopinath für ein gemeinsames Gespräch über Queer Diaspora und Archive eingeladen.

Fragen, die uns beschäftigen und über die wir gemeinsam nachdenken wollen, sind: Wie können wir es schaffen, dass Wissenschaft und Wissen, die QTIBIPoCs betreiben und hervorbringen, zurück in die Communities gelangen? Welche Bedeutung können auch unser Erfahrungswissen und unsere politische Praxis für diese Theorien und Konzepte haben? Inwieweit können diese Theorien auch im Sinne bell hooks als “Liberatory Practice” und “Healing Theory” verstanden werden? Und nicht zuletzt: Was machen wir damit, dass viele der Theorien aus den USA kommen und auf Englisch sind?

Wir wollen uns der Theorie aus der Perspektive unserer gemeinsamen Freund*innenschaft heraus annähern. Dinge, über die wir gerne sprechen, unsere persönlichen Erfahrungen als queere BIPoC Personen in Deutschland, sowie politische Praxis möchten wir mit Theorie verknüpfen. Wir möchten einen Raum schaffen, indem wir uns austauschen, bereichern und Theorie nicht nur als ‚akademisch produziert und nutzbar‘ verstehen können. Unsere Freund*innenschaft ist demnach ein wesentlicher Bestandteil unserer Gespräche über Theorie.

Die gemeinsamen Gespräche werden von Rena Onat und Saida-Mahalia Saad angeleitet und finden ab dem 31. Mai online jeweils am Montag statt. Die Termine können einzeln oder zusammen besucht werden. Texte werden vorab verschickt. Das Lesen dieser ist nicht die Voraussetzung für eine Teilnahme.

Der Lese- und Gesprächskreis richtet sich ausdrücklich an Personen, die sich als Schwarze Menschen, Indigenous oder People of Colour identifizieren. Die Bereitschaft, sich mit BIPoC Queer- und Trans*themen auseinanderzusetzen ist Voraussetzung für die Teilnahme am Kurs. Das Angebot findet bewusst außerhalb eines akademischen Settings statt und richtet sich explizit auch an Personen, die sich nicht innerhalb von akademischen Kreisen und Theorien bewegen. Grundlage für die Treffen ist eine gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher Formen des Wissens und eigener Erfahrungen. Die (englischen!) theoretischen Texte, die für die jeweiligen Treffen gelesen werden können, werden dementsprechend immer von Rena Onat und Saida-Mahalia Saad aufbereitet und in eigenen Worten als Input dem Austausch vorangestellt.

Programm des Lesekreises

Montag, 31. Mai, 18-20h: José Esteban Muñoz – Disidentification

Als erstes wollen wir mit euch über das Buch “Disidentification – Queers of Color and the Performance of Politics” (1999) von José Esteban Muñoz sprechen. Der Begriff Disidentification ist erstmal etwas abstrakt. Er bezeichnet jedoch eine Erfahrung, die viele von uns kennen, nämlich in verschiedenen Räumen immer nur mit einem Teil unserer Identität sein zu können, sich weder ganz zu identifizieren, noch sich gar nicht zu identifizieren. Etwas dazwischen. Muñoz ist Wissenschaftler in Performance Studies und erklärt Disidentification anhand verschiedener künstlerischer Arbeiten. Für ihn ist es gleichzeitig eine Überlebens- und Widerstandsstrategie und es kann zu etwas führen, was er “queeres worldmaking” nennt.

Montag, 28. Juni, 18-20h: Sara Ahmed – Orientierung und Queer Phenomenology

Sara Ahmed ist inzwischen sehr bekannt und wird viel diskutiert. Meistens geht es dabei viel um ihre Perspektiven auf Antidiskriminierung und Institutionenkritik oder um ihre Figur der “Feminist Killjoy”. Wir wollen mit euch darüber sprechen, was Sara Ahmed über Orientierung und Queere Phänomenologie zu sagen hat. Das ist ein theoretischer Ansatz, der nicht so einfach ist, nicht, weil Ahmed sich unnötig schwierig ausdrückt, sondern weil es komplexe Gedanken sind, die sie sich macht. Wir finden aber, dass es sich lohnt. Sie fragt danach, was es heißt, orientiert zu sein? Sie nimmt die Frage der Orientierung z.B. in sexueller Orientierung wörtlich. Aber sie fragt auch, was Orientierung und Orientalismus miteinander zu tun haben. Das Interessante an ihrem Ansatz ist, dass sie über strukturelle Machtverhältnisse nachdenkt, aber auch, wie diese Einfluss auf unsere Körper haben. Denn der Körper ist der Ausgangspunkt von Orientierung und Wahrnehmung.

Montag, 26. Juli, 18-20h: Jin Haritaworn & Riley Snorton – “Transnecropolitics”

In ihrem gemeinsamen Text reflektieren Jin Haritaworn und Riley Snorton über Politiken im Umgang mit dem Tod von Trans* Personen of Colour. Die Forderung, dass wir Platz für die Perspektiven von (lebenden) Trans* of Colour schaffen müssen, wird immer noch häufig abgewehrt als “PC that goes too far”, als politisch-korrekt was zu viel verlangt sei, wie Jin Haritaworn erklärt. Bei Veranstaltungen wie dem Transgender Day of Remembrance, bei dem an Opfer transfeindlicher Gewalt gedacht wird, sind es jedoch größtenteils Namen nicht-weißer Trans* Menschen, die verlesen werden. Wann bekommen also Trans* of Colour Aufmerksamkeit innerhalb von Queer und Trans Aktivismus? Was genau meint “Transnecropolitics”? Was können wir auch lernen über Politiken der Erinnerung und des Gedenkens?

Montag, 27. September, 18-20h: Gloria Anzaldúa – Borderlands
mit Maque Pereyra Queen of Yoggaton (wahrscheinlich auf Englisch)

Gloria Anzaldúas Buch “Borderlands / La Frontera” ist bereits von 1987. Sie ist eine Theoretikerin, die lange Zeit nur sehr wenig beachtet wurde, gerade auch innerhalb der Queer Theory. Dabei ist sie eine der ersten, die dazu geschrieben hat. Sie schreibt ausgehend von ihrer Erfahrung als queerer Chicana, aufgewachsen im “Borderland” zwischen den heutigen USA und Mexico. Sie schreibt über koloniale Grenzziehungen aber auch über Grenzen durch den Körper, durch Sprache sowie über Spiritualität. Bereits mit der Form ihres Textes leistet Gloria Anzaldúa Widerstand gegen das, was sie kritisiert, indem sie vermeintliche Gegensätze zusammenbringt: Sie mischt geschichtliche und theoretische Ausführungen mit Gedichten, kombiniert ihr Erfahrungswissen mit Wissen zu Geschichte, Ethnologie, präkolumbianischer Mythologie und Politik. Sie schreibt einzelne Wörter oder ganze Passagen auf Spanisch – wohlwissend, dass ein Teil der englischsprachigen Leser*innen diese Textteile nicht verstehen wird. Anzaldúa teilt mit uns nicht nur ihre Analysen und Erfahrungen sondern viele Visionen und Utopien.

Maque Pereyra studierte Psychologie in La Paz, Bolivien und absolvierte den MA Solo Dance Authorship am HZT Berlin. Sie ist Tänzerin, Performerin, DJ, Psychologin und bietet ganzheitliche Bewegungstherapie im Casa Kuà an. In ihren Performances arbeitet sie mit indigen-futuristischen Perspektiven und hatte u.a. Auftritte in den Sophiensälen oder im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Außerdem hat sie die Praxis Yoggaton entwickelt, die sie in Workshops und über YouTube-Videos vermittelt. Mehr zu ihr auf yoggaton.com und instagram.

Montag, 25. Oktober, 18-20h: Diskussion mit Chandra Frank und Gayatri Gopinath

Weitere Informationen hierzu folgen demnächst.

Informationen zur Anmeldung und Teilnahme

Der Lesekreis findet in deutscher Lautsprache statt, lediglich das Gespräch im Oktober mit Chandra Frank und Gayatri Gopinath erfolgt in englischer Lautsprache. Bei Bedarf kann aber auch auf Englisch gesprochen werden. Die Texte stehen leider nur auf Englisch zur Verfügung. Das Lesen der Texte ist keine Voraussetzung für die Teilnahme.

Anmeldungen bitte bis zum 26.05.2021 an: contact@xartsplitta.net

Es wäre toll, wenn ihr bei eurer Anmeldung zu folgenden Punkten etwas schreiben würdet:

  • An welchen Terminen ihr teilnehmen möchtet.
  • Warum ihr euch für die Teilnahme am Lesekreis entschieden habt.
  • Auf welche Weise ihr euch bisher mit Queer of Colour Politik und Communities oder anderen Themen des Lesekreises beschäftigt habt.
  • Was eure Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf den Lesekreis sind.

Der Link für die Teilnahme wird dir zugesandt, sobald wir deine Anmeldung bestätigt haben. Der Link gilt für alle Termine.


Rena Onat ist Kunst- und Medienwissenschaftlerin und interessiert sich für Queer of Colour Kritik in Kunst und in der visuellen Kultur. Ihr Doktorarbeit hat sie zum Thema „Orientierungen. Queere Künstler_innen of Color und Verhandlungen von Disidentifikation, Überleben und (Un-)Archiving im deutschen Kontext“ an der Universität Oldenburg geschrieben. Ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit liegt bei Antidiskriminierung im Kunst- und Hochschulkontext. Derzeit arbeitet sie als Frauenbeauftragte an der weißensee kunsthochschule berlin. Rena positioniert sich als deutschtürkische Femme of Colour und mag Pferde.

Saida-Mahalia Saad studiert Soziokulturelle Studien an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder. Saida absolvierte den Bachelor in Kulturwissenschaften und ist gelernte*r Erlebnispädagoge*in. Saida arbeitet als Referent*in für politische Bildung mit den Schwerpunkten diskriminierungssensible Sprache, Rassismus, Empowerment, Gender und sexuelle Vielfalt. Zielgruppen umfassen dabei sowohl Schüler*innen, als auch Studierende, Lehrkräfte und Schulpädagog*innen. Bei xart splitta arbeitet Saida im Team des Lesekreises Queer of Colour Critique mit.


Diese Veranstaltung findet im Rahmen des, von der LADS geförderten Projektes #CommunitiesSolidarischDenken statt.