Broschüre 2021

#CommunitiesSolidarischDenken – Überlegungen zu nachhaltiger Community-Zusammenarbeit II

Seit 2020 beschäftigen wir uns bei xart splitta schwerpunktmäßig mit #CommunitiesSolidarischDenken. In diesem Jahr (2021) ging es um Selbstidentität und Solidarität aus Unterschieden, Differenzen und Komplexitäten heraus.

Was bedeutet Solidarität? Was bedeutet community-übergreifende Arbeit und was beinhaltet und benötigt eine solidarische Praxis? Wie können wir Communities bilden, die sich auch in Abgrenzungen, weiterhin solidarisieren?

Dies haben wir wieder für euch in unserer Broschüre #CommunitiesSolidarischDenken – Überlegungen zu nachhaltiger Community-Zusammenarbeit II zusammengefasst, welche hier als download verfügbar ist.

Wenn ihr eine Print-Version haben möchtest kontaktiert uns unter contact@xartsplitta.net.

Broschüre #CommunitesSolidarischDenken 2021

interdependenzen

diskriminierungen sind immer komplex und mehrschichtig. es gibt keine einfachen, monolithischen diskriminierungen, die dann addiert werden können in politiken und analysen, die frei wählbar wären und austauschbar. es gibt also beispielsweise keine genderistische diskriminierung, die nicht auch rassistisch_ableistisch durchzogen und konstituiert ist, die nicht auch rassismus und ableismus mit aufruft, auf die eine oder andere weise. genderismus bedeutet für Schwarze trans_x_te personen was anderes, manifestiert sich anders, wird anders eingelesen, als für PoC trans_xte personen, wird anders wahrgenommen, anders zugeschrieben als für weiße trans_xte personen. vielleicht ist genderismus/sexismus als konzept bereits rassistisch da es eine trennbarkeit impliziert, die für Schwarze und PoC-frauisierte überhaupt nicht gegeben war und ist. die machtvolle setzung von begriffen wie sexismus/genderismus als alleinstehend macht vielleicht überhaupt erst ein konzept wie interdependenzen notwendig – für weiße ableisierte personen, die so ihren machtanspruch alles und alle zu erklären weiter manifestieren.

gleichzeitig: in einer gesellschaft, in der machtverhältnisse als selbstverständlich getrennt voneinander benannt werden, geht es gar nicht, interdependenzen nicht wahrzunehmen. in allen fällen hängen genderismus und rassismus untrennbar zusammen, sind unterschiedlich realisiert und wahrgenommen und beide immer auch da. die idee es gäbe genderismus jenseits von rassismus und ableismus stellt weiße ableisierte normen als allgemeingültig, universalistisch her. das heißt jede analyse von genderismus und jede politik gegen genderismus muss immer ausdifferenziert sein nach anderen, nur analytisch trennbaren, diskriminierungsformen wie rassismus und ableismus.

wenn zum beispiel trans politiken dafür kämpfen, dass eine transgenderkategorie in deutschen pässen eingeführt wird, werden auf diese weise die kämpfe der in deutschland lebenden illegalisierten trans_xten personen ausgeschlossen. und damit wird nicht reflektiert, dass diese politik dann gleichzeitig diskriminierend ist.

weitalesen: combahee river collective (1981): „a Black feminist statement“. in cherrié m. moraga and gloria anzaldúa (hg.): this bridge called my back. writings by radical women of color. new york, s. 210-218.

 

ästhetik

ästhetik, wie der begriff konventionell benutzt wird, ist die macht_volle, machtbestimmte einlesung von etwas als schön brilliant künstlerisch beeindruckend wichtig ausdrucksstark literarisch wichtig –oder eben das alles nicht

wie kann oder sollte etwas das alles jenseits von politischen bedeutungen und belegungen sein?

wie kann etwas schön sein wenn es rassistisch ist?

in diskussionen um rassistische sprachhandlungen, um den wunsch und die forderung von Schwarzen personen und PoC bestimmte rassistische begriffliche handlungen sein zu lassen, bestimmte begriffe nicht zu benutzen, wird immer wieder von entnannten weißen personen die expertix für alles sind angeführt, dass bestimmte begriffsbenutzungen oder bestimmte texte doch literarisch wertvoll, also ästhetisch seien. deshalb könnten einzelne begriffe nicht einfach verändert werden. was aber ist das dann für ein ästhetikbegriff?

da wird dann so getan, als gäbe es schönheit oder ästhetik als einen wert und eine vorstellung jenseits von konkreten politischen effekten, politischen handlungen, konkreten situationen, konkreten diskriminierungen, konkreten äußerungen diskriminierter zu ihrer verwendung. wex sollte das dann noch schön finden können, wenn es diskriminierend ist? oder heißt das, dass schönheit teil diskriminierender regimes ist?

was könnte an einer begriffsverwendung von weißen, in welcher historisierenden verwendung auch immer, ästhetisch sein, wenn Schwarze personen oder PoC dadurch diskriminiert sind? was für ein begriff von ästhetik wäre das dann? eine ästhetik des rassismus?

wie kann eine infragestellung von x-formen, unterstrichformen und sogar immer noch die einlesung und bewertung von binnen-I formen als unästethisch möglich sein, wenn es so klar ist, dass dies die formen sind, die genderistisch diskriminierte für sich gewählt haben? was sagt das dann über ästhetikverständnisse aus, wex ästhetikverständnisse werden so als eine pseudoneutrale norm gesetzt und wex verständnisse werden als betroffen_emotional_zu extrem hergestellt – aber sicher nicht als ästhetisch? ist ästhetik also eine privilegierte diskriminierende normsetzung?

ästhetik in einer entpolitisierenden verwendung, in einer entkoppelten verwendung von der präsenz und wirkhaftigkeit und wirkmächtigkeit von strukturellen diskriminierungen ist damit selbst diskriminierend, strukturell, künstlxsch verharmlosend, als in und aus einer anderen sphäre darstellbar. ein solcher ästhetikbegriff ist teil eines politisch strukturell diskriminierenden kunstbegriffs, den wir von xart splitta nicht teilen, sondern herausfordern.

leseinspirationen: habt ihr welche? schickt uns die gerne!

 

 

kritik

kritik ist lebendig sein

kritisiert werden ist wahrgenommen werden, ist die bereitschaft sich mit mir, meinen positionen_äußerungen_handlungen auseinanderzusetzen

kritik ist offenheit zu kontakt

ist wunsch nach verständigung

nach formulierung von differenz

differenz als positive ressource

kritik ist produktiv

kritik ist wichtig als umgangsform, als lernform, als kommunikationsform, als arbeitsform

kritik beginnt für uns mit einer würdigung dessen was eine andere person denkt_macht_meint

kritik ist respektvoll und akzeptieren von differenz, wenn es nicht genderistisch_rassistisch_ableistisch_klassistisch_migratistisch diskriminierend ist – dann ist kritik scharf und klar und stark und laut, denn das, was vorher war ist nicht respektvoll.

kritik als umgangsform versuchen wir von xart splitta umzusetzen durch offene fragen, nachfragen, durch zuhören, durch formulieren eigener standpunkte und ideen, durch vermeidung von universalismen, von allgemeinen bewertungen, durch vermeidung von herabsetzungen und hierarchisierungen in unseren äußerungen

kritik verstehen wir als ein sich aufeinander zu bewegen, miteinander sich bewegen, bewegungen in kontakt und differenz.

kunst

je länger wir über kunst nachdenken, umso unsicherer werden wir.

es gibt viele formen von kunst, die wir nicht meinen, wenn wir xart splitta auch als künstlixsch aktiv verstehen.

was wir meinen mit kunst: formen von intervenierenden empowernden handlungs- und ausdrucksweisen gegen interdependente diskriminierungen, die genregrenzen überschreiten, die was wagen, die neue sprachen ausprobieren, die sich nicht in funktionslogiken einpassen, die kreativ sind, unangepasst, irritierend, herausfordernd, die neue orte wählen, neue w_orte, neue blicke, neue eindrücke und ausdrücke, die immer auch politisch gegen interdependente diskriminierungen positioniert sind, interdependente strukturelle diskriminierungen immer auch reflektieren und in kommunikationsformen umsetzen, die sich kapitalistischen verwertungslogiken immer wieder ein stückweit versuchen zu entziehen, die zum anhalten, verharren, verändern von blickrichtungen einladen, die bewegen, herausfordern, spaß machen, verbinden, ver_orten.

zum weiterlesen:

talking visions. multicultural feminism in a transnational age. ella shohat (ed.) 1998, mit press.